Gewinner des Deutschen Animationsdrehbuchpreises 2014

„Latte Igel und der Wasserstein“ von Andrea Deppert und Martin Behnke

 

Laudatio für Latte Igel:

Latte Igel ist ein schönes Drehbuch.

Es zu lesen hat Spaß gemacht.

Dass dieses immer der Fall ist, ist nicht selbstverständlich.

Ein Drehbuch ist ein sperriges Format, ein hässliches Format könnte man fast sagen. Es ist dafür da, Bilder in den Köpfen des Lesers zu erzeugen. Prosa ist es nicht. Es ist eher eine Zwischenstation auf dem Weg zum Film.

Es lebt von Knappheit und Understatement.

Bei Latte Igel und der Wasserstein hat man das Gefühl, dass die Autoren, Andrea Deppert und Martin Behnke, dieses sehr genau wussten, und sich vertrauensvoll auf den Leser verlassen haben. Dafür ist man dankbar. Man fühlt sich ernst genommen. Man freut sich über das saubere Handwerk.

Und die Geschichte ist auch gut!

Sie ist spanned und wendig erzählt. Die Hauptcharaktere sind lustig und lebending und in ihrer schrammeligen Kindlichkeit sehr altersgerecht beschrieben. Man wird auf Lattes und Tjums Reise mitgenommen, und man freut sich über den Weg. Die Story eilt voran, man liest sie mit Vergnügen und möchte von Seite zu Seite wissen, was als nächstes passiert. Sie überrascht und lässt einen nachgrübeln, wie das streitende Hauptpaar sich gegenseitig aus der Klemme helfen wird.

Und auch die Nebencharaktere sind eigenständig. Sie sind nicht nur dazu da, die Geschichte voranzutreiben, sondern, weil sie dazugehören. Die Welt, in der sie wohnen, ist eine komplette Welt. Ihre Geschichte ist eine, die von innen nach außen erzählt wird.

Unter Autoren ist es eine Berufskrankheit, dass man auf die Mechanismen und Tricks hinter den Kulissen einer Geschichte lauert, aber hier fanden wir angenehm überraschende Momente. Ich erwähne den Wasserstein aus den Bergen: Einige von uns in der Jury hatten einen Gletscher erwartet, einen Eisstau, der das Wasser eingeschlossen hat, die große metaphorische Ebene, die man so gerne reinbringt. Gerade bei einer Buchadaption liegt die Versuchung nah, einfache Dinge aufzubessern. Aber nein, Latte und Tjum finden tatsächlich einen Wasserstein, so groß wie ein Gänseei, aus dem Wasser sprudelt. Ein schöner und direkter Moment, ein märchenhafter Moment.

Mich hat das an das Tor von Maradonna gegen England 1986 errinnert, wo er
einfach geradeaus zum Tor lief, während sich die Engländer links und rechts auf das Feld geworfen haben. So was Direktes hatten sie nicht erwartet. Tor!

Und daher geht der Deutsche Animations Drehbuchpreis 2014 an Andrea Deppert und Martin Behnke, für ihr Drehbuch, Latte Igel und der Wasserstein, nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Sebastian Lybeck.

Wir hoffen dass die Verleihung dieses Preises ein wenig zur Weiterreise von Latte Igel beiträgt.

Wir wünschen anderen Lesern, darunter mögliche Produzenten, auch Spaß beim Lesen. Latte Igel und der Wasserstein ist eine einfache Geschichte, schön und direkt erzählt. Und das, wie wir alle wissen, ist die Kunst.

John Chambers. Berlin. April, 2014.